Von Genf bis ins Vallée de Joux erstreckt sich die Schweizer Uhrmacherkunst über Museen, Manufakturen und öffentliche Uhren. Ein jahrhundertealtes Erbe, ein von der UNESCO anerkanntes Know‑how und eine florierende Industrie: die Etappen einer uhrmacherischen Pilgerreise.
Ein immaterielles Erbe und vier Jahrhunderte Geschichte
Im Jahr 2020 hat die UNESCO die uhrmacherischen Fertigkeiten und die Kunstmechanik in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen und damit Traditionen gewürdigt, die Technik, Wissenschaft und Ästhetik verbinden. Die Geschichte beginnt im 16. Jahrhundert in Genf: Nach den Predigten Calvins wandten sich Goldschmiede und Juweliere der Herstellung von “Uhrengehäusen” zu. Die Regionen des Genferseebeckens und des Jurabogens spezialisierten sich und florierten im 19. Jahrhundert dank neuer Technologien und gesteigerter Präzision.
Zu den alten Häusern zählen Blancpain (gegründet 1735), Vacheron‑Constantin (1755), Breguet (1775) und Chaumet (1780). Abraham‑Louis Breguet, eine bedeutende Persönlichkeit, erfand das Tourbillon und entwarf die erste Armbanduhr, die in der Überlieferung mit einer Schwester Napoléons in Verbindung gebracht wird.
Öffentliche Uhren und Großstädte
In den Städten prägen Uhrentürme das Leben: die Berner Zytglogge (ein Mechanismus aus 1530) belebt seit Jahrhunderten Glockenspiel und Automaten. In Luzern wird die Zytturm, deren heutige Uhr aus dem Jahr 1535 stammt, täglich von Hand aufgezogen und schlägt eine Minute vor den anderen Uhren der Stadt. In Zug zeigt die astronomische Uhr von 1574 Tage, Mondphasen, Tierkreiszeichen und Schaltjahre an.
Produktionszentren und Museen
La Chaux‑de‑Fonds und Le Locle, wegen ihrer uhrmacherischen Stadtplanung zum Weltkulturerbe erklärt, beherbergen Manufakturen und Museen. La Chaux‑de‑Fonds ist Sitz mehrerer Häuser (TAG Heuer, Breitling, Chanel, Cartier) sowie des Erbes von Le Corbusier, der hier geboren wurde. Das Musée international d’horlogerie vereint die weltweit umfangreichste Sammlung (mehr als 4.000 Stücke), ist jedoch bis 2026 wegen Renovierungsarbeiten geschlossen.
Le Locle, Standort eines uhrmacherischen Zentrums und des Contrôle officiel suisse des chronomètres (COSC), bietet einen uhrmacherischen Rundgang und ein Museum in einem Gebäude aus dem 18. Jahrhundert. Häuser wie Ulysse Nardin, Audemars Piguet, Rolex, Certina, Tissot, Tudor und Zenith sind dort angesiedelt; die Manufaktur Zenith, gegründet 1865, bietet freitags morgens Führungen an (ca. 3 Std., 50 CHF).
Vallée de Joux und grosse Komplikationen
Das Vallée de Joux ist die Wiege der grossen Komplikationen. Pierre LeCoultre, ein hugenottischer Flüchtling, der 1559 ankam, ist der Vorfahre von Antoine LeCoultre und von Jaeger‑LeCoultre. Audemars Piguet hat sich seit 1875 im Brassus niedergelassen und zeigt dort ein Museum‑Atelier. Blancpain, Breguet und andere historische Manufakturen haben dort enge Wurzeln.
Biel und Genf
Biel beherbergt Omega (gegründet 1879), den Hauptsitz der Swatch Group und bedeutende Rolex‑Niederlassungen. Die 2019 eröffnete Cité du Temps von Shigeru Ban vereint das Omega Museum und Planet Swatch unter einem Dach. Genf am Genfersee stellt die Uhrmacherkunst mit der Blumenuhr, dem Geneva Watch Tour und dem Musée Patek Philippe heraus, das rund 2.500 Stücke zeigt.
Ausbildung und Besuche
Die Uhrenbranche ist heute ein wirtschaftlicher Pfeiler: 2023 wurden 16,9 Millionen Uhren gefertigt bei einem Umsatz von mehr als 28 Milliarden Euro; die Industrie ist die drittgrösste Exportposition der Schweiz. Die Messe Watches & Wonders findet im April in Genf statt.
Mehrere Angebote ermöglichen praktische Einführungen: Initium in Genf bietet Sessions an (3 Std. für 350 CHF, Halbtages‑ oder Ganztagskurse für 2.500–3.000 CHF) und betreibt Werkstätten in Le Noirmont und in Paris (Eröffnung in Paris 2024). Kurse im Vallée de Joux (Olivier Piguet) erlauben ebenfalls, mit einer eigenen Uhr nach Hause zu gehen (1.710–2.070 CHF).
„Wo Ordnung entsteht, entsteht Wohlbefinden“ (Le Corbusiers Wahlspruch, geboren in La Chaux‑de‑Fonds).
Praktische Hinweise
- TGV Lyria: Paris–Genf 3 Std. 10, Paris–Lausanne 3 Std. 40, Paris–Basel 3 Std., Paris–Zürich 4 Std.; die Verbindung nach Lausanne führt über Vallorbe.
- Unterkünfte bleiben kostenintensiv: Camping 40–60 CHF, Doppelzimmer im Hotel etwa 150–250 CHF; Herbergen und lokale Optionen werden je nach Stadt angeboten.
Quelle: Routard.com