Während sie in dreizehn Tagen 533 km rund um den Kanton Waadt zurücklegten, zeigen Wandernde, dass das Gefühl von Fernweh bereits wenige Kilometer entfernt zu finden ist. Die Erfahrung beleuchtet Chancen und Grenzen des Slow‑Tourismus in der Schweiz.
In dreizehn Tagen haben Philippe Doffey und seine Begleiter die Via Valdensis zurückgelegt, eine 533 Kilometer lange Route, die den Kanton Waadt umrundet. Ihre Wanderung zeigt, wie vertraute Gebiete fremd wirken können, wenn man langsamer unterwegs ist: wenig bekannte Dörfer, Wälder, Narzissenfelder auf den Pléiades und sogar ein unterschwelliges Wasserrad bei Yverdon, das die Gruppe so kommentierte: «Wären wir in Thailand, würden wir zwei Stunden mit dem Bus fahren, um es zu sehen».
Was ist Slow‑Tourismus?
Slow‑Tourismus bezeichnet eine Art des Reisens, die Langsamkeit, Nähe, lokale Entdeckung und emissionsarme Fortbewegungsarten (zu Fuß, mit dem Rad, mit dem Zug oder auf dem Wasserweg) in den Vordergrund stellt. Ziel ist die digitale Abschaltung, das Eintauchen in Landschaften und lokale Kultur sowie ein respektvollerer Tourismus gegenüber Umwelt und Bevölkerung.
Die öffentlichen Stellen unterstützen heute Initiativen in diesem Sinne: in Frankreich begleitete ein Projektaufruf mit 4,7 Millionen Euro 73 Projekte; in der Schweiz subventionieren Programme wie Innotour Projekte, die Nachhaltigkeit und sanfte Mobilität fördern.
Warum „Weite“ eine soziale Konstruktion ist
Die Anthropologin Saskia Cousin (Université Paris Nanterre), Tourismus‑Expertin, erinnert daran, dass die Verbindung von Reisen mit Distanz weitgehend kulturell geprägt ist. Die Entwicklung der Verkehrsmittel hat neu definiert, was wir als «weit» empfinden: Was vor anderthalb Jahrhunderten einen Tag Fußmarsch erforderte, lässt sich heute in wenigen Stunden zurücklegen. Erzählungen, Bilder und inzwischen auch die sozialen Netzwerke nähren ein Imaginaire, das ferne Exotik wertschätzt.
«Die Beziehung zum Fernen ist stark sozial konstruiert» — Saskia Cousin
Was das Langsamerwerden an der Erfahrung ändert
Langsamer werden verändert die Wahrnehmung eines Ortes. Gehen beansprucht den Körper, aktiviert die Sinne und fördert die Innenschau: Gerüche, Landschaften und Erinnerungen treten hervor. Beispiel: Eric, ein 60‑jähriger Unternehmer, der sich der Gruppe für einige Tage anschloss, wurde vom Duft der Narzissen auf den Pléiades ergriffen, eine Kindheitserinnerung und ein bewegender Moment. Die Dauer und das Unterwegssein erleichtern zudem den Austausch und das Entstehen tieferer Kontakte unter den Teilnehmenden.
Die sozialen Grenzen des Slow‑Tourismus
Slow‑Tourismus bleibt zum Teil ein Privileg. Die Umrundung des Kantons Waadt durch Philippe Doffey mobilisierte Personen mit Zeit, guter körperlicher Verfassung (unter ihnen Doffey, Rentner und ehemaliger Marathonläufer) und Vorerfahrung im Reisen. Saskia Cousin weist darauf hin, dass weltweit Millionen Menschen zu Fuß unterwegs sind, nicht aus Freizeitgründen, sondern aus Notwendigkeit. Langsamkeit nach vielen Reisen zu wählen, ist nicht gleichzusetzen mit nie die Möglichkeit gehabt zu haben, aufzubrechen.
Wirtschaftliche Dimension und Rolle der öffentlichen Hand in der Schweiz
Slow‑Tourismus bietet lokale wirtschaftliche Chancen. Laut Mireille Corger‑Lattion (Innotour) animiert dieser Ansatz Besucher dazu, regionale Produkte und Dienstleistungen zu konsumieren, wovon KMU, Handwerker, Produzenten, Guides und kulturelle Einrichtungen profitieren. Die Schweiz verfügt über bedeutende Vorteile: geschützte Landschaften, Kulturgüter und ein dichtes Mobilitäts‑ und Wanderwegnetz — mehr als 65’000 Kilometer an Wegen, die die Entwicklung langsamer und nachhaltiger Angebote begünstigen.
«Man muss nicht zwangsläufig zehn Stunden fliegen, um großartige Momente und schöne Entdeckungen zu erleben» — Philippe Doffey
Der Bund unterstützt diesen Wandel: Innotour kann bis zu 50 % der Budgets ausgewählter Projekte finanzieren, und rund 70 % der geförderten Projekte tragen zur Nachhaltigkeit bei. Labels wie Swisstainable und die Strategie «Travel Better» zielen darauf ab, die Nachfrage in Richtung verantwortungsbewusster Praktiken und Akteure zu lenken. Die neue nationale Tourismusstrategie soll Anfang 2027 verabschiedet werden.
Konkrete Effekte und geförderte Projekte
- Förderung von Naturparks und Entwicklung nachhaltiger touristischer Angebote in den Regionen.
- Lokale Initiativen, wie die Schaffung einer «Slow Destination» in Morges, die Natur, Gastronomie und Kultur aufwertet.
- Arbeit an sanfter Mobilität in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Verkehr, um Randgebiete besser anzubinden.
Praktiken und Infrastruktur des Slow‑Tourismus
Slow‑Tourismus wird zu Fuß, mit dem Fahrrad (Radrouten und EuroVelo), per Zug oder über Wasserwege praktiziert. In Europa ist das EuroVelo‑Netz (Anzahl der Routen und zurückgelegte Kilometer) ein Beispiel für Infrastruktur, die langsame Durchquerungen fördert; in Frankreich nutzen Radrouten und «voies vertes» oft Abschleppwege, ehemalige Bahntrassen oder Waldwege, um sichere und attraktive Strecken zu schaffen.
Unser Fazit
Die Via Valdensis und die Umrundung des Kantons Waadt, erzählt von der Gruppe Wandernder, zeigen im Kleinen die Stärken und Grenzen des Slow‑Tourismus. Die 533 km in dreizehn Tagen bieten Entschleunigung ohne Flugzeug: zufällige Begegnungen, Wiederentdeckung vertrauter Orte, intensivere Sinneseindrücke und Erinnerungen. Gleichzeitig machen sie deutlich, welchen Zeit‑ und Kraftaufwand diese Reiseform verlangt.
Dieses Beispiel zeigt die Voraussetzungen für einen plausiblen Wandel: in der Schweiz bieten ein dichtes Wegnetz (mehr als 65’000 km), eine starke Wertschätzung des Naturerbes, öffentliche Initiativen (Innotour, Swisstainable) und lokale Projekte (Slow Destination in Morges) ein günstiges Ökosystem.
Für die Transformation braucht es jedoch Kohärenz und Begleitung — leistungsfähige sanfte Mobilität, passende Übernachtungsangebote, Ausbildung der lokalen Akteure und zielgerichtete Kommunikation, um Besucher zur richtigen Zeit an den richtigen Ort zu bringen. Ohne diese Hebel droht Slow‑Tourismus eine Nische für Eingeweihte zu bleiben.
Quellen :
- rts.ch — Tourisme de proximité : voyager près de chez soi en Suisse
- Ministères Transition écologique, Aménagement du Territoire, Transports, Ville et Logement — Le « slow tourisme », de quoi parle‑t‑on ? | Ministères Transition écologique, Aménagement du Territoire, Transports, Ville et Logement
- www.kmu.admin.ch — „Le slow tourisme encourage les visiteurs à consommer des produits et services de proximité”